Monolog für einen Baum
Ich würde euch die Beine schwarz bemalen, damit ihr fühlt wie der Tod hochkriecht und der kleinste Windstoss euch umknickt wie ein magerer Trinkhalm. Wir haben nichts zu lachen, stehen da in der Erosionssauce und hoffen, dass wir nicht zersägt das Feuerzeug ersetzen, bepinselt die Anrichte verzieren, gekreuzigt einen deutschen Friedhof füllen oder als Aschewolke enden.
Lieber wie eine Trauerweide in den sonnigen Sommerhimmel ragen. Was mussten wir nicht alles erleiden, platzmachen für graue Rennpisten mit ihren alkoholfreien Sleepingzones, lukrativen, familienfreundlichen Eventworlds, Shoppingcenters, Flughäfen mit relaxter Atmosphäre animierend zum Nichtstun, Wolkenkratzer mit stimulierend, trendiger Betriebsamkeit und erlebnisgarantierenden Hotels für Wellness- und Weiterbildungskuren. Haben wir nicht alles getan, damit ihr ein- und ausatmen könnt? Unter unseren grünen Blätter lieben und Nüsse kauen dürft?
Wir stehen im Weg, wenn ihr mit hoher Geschwindigkeit um die Kurve rast. Nur gut, dass mancher von uns frühzeitig durch den Borkenkäfer erlöst wurde. Ich habe Angst. Wir können nicht davonrennen und ihr nennt euch Menschen! Wir wachsen nicht so schnell wie ihr uns umbringt und zum Schluss tauft unseren Baumstrunk nur noch der saure Regen. Wie stellt ihr euch ein Leben ohne uns vor? Ist euch bewusst, dass ihr ohne uns keine Chance habt? Seid ihr solche Ignoranten? Sogar vom plastikbunten Weihnachtsbaum lässt ihr euch teuschen. Feiert weiterhin den 1. August und deckt euch ein mit Edelhölzern, die Globalisierungsfreunde werden es ewig danken. Die alte Buche hat mir erzählt, der Mensch lebe nur kurz, hat das Gold entdeckt und lässt sich nun hedonistisch überall hintreiben. Zum Teil habe ich Verständnis mit diesen Kreaturen mit ihrem Willen, aber dass sie nur kurzsichtig, betrugsbewusst an Morgen denken, verzeihe ich ihnen nie.
Da lobe ich mir die Fluten, den Sand, Lawinen die uns bedrohen, erdbebenähnlich verschlingen oder Tiere die uns missbrauchen. Nur die eisernen Tannen, welche in den Bergen schützend verbauen, rauschen noch ein letztes Mal. Wenn wir nur alle so tapfer wären. Ich wünsche mir nicht als Forsthaus im tiefen Wald zu enden. Dann doch lieber als Schrank bei Prince Charles, da wird man täglich poliert und veredelt. Im Moment brunzen mich die Hunde reudig gerne an. Eichhörnchen jagen vorbei und der Specht klopft treu stundenlang. Im Frühling bin ich immernoch stolz auf meine Knospen.
Die Nachbarin ist fein und zart, biegsam wie eine Espe. Ich versuche sie mit meinem starken Stamm zu beeindrucken, sie aber kreuzt die Wurzeln und versteckt sich unter ihrem zittrigen Laub. Ich bin glücklich, dass sie nicht wegrennen kann. Vorläufig beschütze ich sie ehrenhaft. Nur unsere Aeste berühren sich im Wind und die Spatzen verkünden unsere Liebe. Wir brauchen nicht zu heiraten. Wir bleiben zusammen bis der Mensch uns absägt. Ich bin eine hohe Fichte und werden noch lange fechten oder waren da nicht gestern diese uniformierten Typen, die mich begrabschten und mit weisser Kreide ein Kreuz auf meine runzlige Rinde machten?
Recu par email de Marianna
Office de l’arbre en Ville
22 septembre 2008
